17.07.2019 09:43
Von: Martin Sayk

Das erste eigene Möbelstück


Lernfeld 4 der Tischler und Holzmechaniker heißt „Bau eines Kleinmöbels“. Nun ist die Berufsschule ja eigentlich nur für den Theorieteil der Ausbildung zuständig, Fachpraxis-Unterricht haben wir (leider) nicht. Aber natürlich juckt es jeden Holzmenschen in den Fingern, die eigene Idee nicht nur zu planen und zu zeichnen sondern auch in Holz umzusetzen. Der Lehrer war schnell überredet, und so ging die BS Ti 18 mit großem Engagement an den Entwurf des ersten eigenen Möbels. Nachtschränkchen oder Truhe, das waren die thematischen Vorgaben, auf die wir uns geeinigt hatten, herausgekommen sind sehr kreative und zum Teil auch sehr anspruchsvolle Entwürfe.

Jonas Knevels, Jason Neste und Mark Weber wollten ein Schatzkästchen bauen. Dabei wagten sie sich an eine traditionelle Holzverbindung, die Fingerzinken, ideal für die Arbeit mit Vollholz. Deckel und Zwischenboden wurden in die Wände eingenutet. Nach dem Verleimen wird der Kasten aufgetrennt, so dass ein Deckel entsteht, der genau auf das Unterteil passt. Problem: so eine handwerkliche Verbindung ist gar nicht so einfach und muss erstmal geübt werden. Das Schatzkästchen ist deshalb noch nicht fertig, aber das wird noch, und auf dem Weg dahin haben die drei eine Menge gelernt.

Basel Abdulrahman, Manuel Ehmke, Marlon Gewehr und Lars Redmann haben auch eine kleine Truhe entworfen. Ihr Werkstück wurde aber auf Gehrung gebaut. Das ist Maschinenarbeit und wirkt sehr elegant. Hingucker ist sicher auch die Kombination von hellem und dunklem Holz. Ungewöhnlich für eine Truhe ist die kleine Schublade unten, auf Nutleisten geführt und mit einer Blende, die auch auf Gehrung geschnitten ist, so dass die geschlossene Schublade kaum auffällt.

Ein ungewöhnliches Nachtschränkchen haben Wail Alsukkari, Dominik Hermes und Amin Refaeh entworfen. Es enthält drei Schubkästen, die aber eine gemeinsame große Blende haben. Dafür wurden zwei breite Bretter mit einer Gehrung zu einem Winkel verbunden, der dem Stück ein ganz individuelles Aussehen gibt. Mit dieser Blende werden alle drei Schubkästen gemeinsam geöffnet. Das ist ganz schön knifflig und setzt die Verwendung von mechanische Auszügen voraus.

Ebenfalls ein sehr interessantes Nachtschränkchen haben Alina Halfmann, Julian Heck, Jonas und Niklas Höger entworfen. Ein Korpus mit einer Schublade ruht auf einem Fußgestell mit schrägen Füßen. Da auch der Korpus aus Vollholz gebaut werden sollte, mussten sie sich immer wieder mit dem Arbeiten des Holzes auseinandersetzen. Bretter mussten in Leisten aufgetrennt und nach der Verleimregel wieder verleimt werden. Auch wenn man dabei alles richtig  macht, Holz arbeitet immer, und nicht immer genau vorhersehbar. Die breiten Brettflächen haben sich zum Teil etwas rundgezogen, und dann war es sehr schwierig, eine genaue Gehrung zu schneiden und den Korpus zu verbinden. Aber sie haben es geschafft, nicht schlimm, dass noch ein bisschen Arbeit bleibt.

Ein ganz anderes Projekt haben Leon Ladewig, Kevin Ripp und David Scheer in Angriff genommen. Sie lernen bei den Möbelwerken Mastershausen und haben statt eines eigenen Entwurfs ein Nachtschränkchen genau unter die Lupe genommen, wie es in ihrer Firma gebaut wird. Dazu mussten sie erst mal in der Firma recherchieren, welche Planungsunterlagen erstellt wurden, welche Teile wie hergestellt und wie verbunden werden, welche Maße wichtig sind. Die Ergebnisse dieser Recherche flossen dann in technische Zeichnungen und eine Projektmappe ein. Der Zusammenbau vorgefertigter Teile war natürlich schneller, aber auch das war ein wichtiges Lernerlebnis – auch für die Handwerker, die so erlebt haben, wie die Industrie arbeitet.

Dieses Projekt war nicht ganz einfach zu realisieren. Weil die Werkstatt nicht groß genug ist, musste immer ein Teil im Klassenraum arbeiten, ein Teil in der Werkstatt. Als Lehrer müsste man dann eigentlich ständig an vier oder fünf Orten gleichzeitig sein, bei der Maschinenarbeit muss aber die Sicherheit an erster Stelle stehen, und dann muss man natürlich dabei bleiben. Ständig treten neue Problem auf, an die die Schülerinnen und Schüler vorher nicht gedacht haben, nicht denken konnten. Aber genau darauf kommt es ja an, dabei lernen wir am meisten. Deshalb dürfen wir uns auch nicht ärgern, wenn noch nicht alles fertig ist. Viele Betriebe sind auch sehr kooperativ und lassen ihre Azubis das Stück in der Firma fertig bauen. Manche Stücke sind aber auch in der kurzen Zeit erstaunlich gut fertig geworden. Für uns alle ein anstrengendes, aber rundum positives Erlebnis.