14.11.2014 11:16
Von: Sven Breder

Bolivien – eine ganze Welt in drei Wochen


Viva Santa Cruz – die ersten Schritte bei 40° im Schatten!

Am 18. Oktober 2014 war es endlich soweit (man wurde, je näher der Tag X näher rückte, dann doch etwas hibbelig!) und David Schneider, Marsel Hart, Nils Wilhelm, Lothar Schneider (als „Aufpasser“), wie auch meine Wenigkeit saßen im Flieger der spanischen Airline Air Europa mit Ziel Santa Cruz de la Sierra, mit kleinem Zwischenstopp in Spanien.

Für die meisten von uns war es der erste Transatlantikflug und dementsprechend groß war die Aufregung. Aber zusammen mit den Schülerinnen und Schülern der zwei anderen Schulen aus Trier und Wadern (Saarland) (s. Bericht „3. Begegnungsreise nach Bolivien im Herbst 2014“) ging diese Aufregung ziemlich schnell in geschwätziges Miteinander über.

Nach gut 18 Stunden Reisezeit kamen wir Morgens um 5.30 Uhr bolivianischer Zeit (11:30 Uhr MESZ) unbeschadet (wenn man die Müdigkeit nicht mitzählt) in Santa Cruz de la Sierra, der größten Stadt Boliviens, an.

Doch bevor wir den ersten Schritt auf bolivianischen Boden setzen konnten, durften wir erst noch einmal eine ordentliche Zollkontrolle über uns ergehen lassen, die dann nur noch durch die nett-gelangweilt dreinblickenden Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde getoppt wurden.

Nachdem der nette Señor dann soweit alles von mir in Erfahrung gebracht hatte, wie meinen Familienstand, oder wie viele Geschwister ich denn habe, konnten wir endlich den abgesperrten Teil des Flughafens hinter uns lassen und liefen direkt in die Arme des herzlichen Empfangskomitees, welches wohl schon seit Stunden dort stand, bestückt mit Plakaten, deutsch-bolivianischen Flaggen und viel bolivianischer Geduld und Gelassenheit.

Die ersten Stunden in Santa Cruz nutzten wir ausgiebig dazu, um uns mit den klimatischen Unterschieden und dem innerlichen Chaos unseres Biorhythmus auseinanderzusetzen, dass uns nicht wirklich abkaufen wollte, dass wir gerade Mal Mittag haben und die 36 Grad gegen 11 Uhr wirken im ersten Moment auch etwas befremdlich, hält man sich vor Augen, dass wir Mitte Oktober haben!

Mir wurde sehr schnell klar: Hier ist einiges anders. Und in drei Wochen sollte ich diesen Satz korrigieren, denn „einiges“ ist ziemlich untertrieben.

Nachdem wir die ersten vier Tage unserer Reise ausgiebig dazu nutzten, um uns zu akklimatisieren uns mit den ersten Gepflogenheiten vertraut zu machen und die unheimlich befremdlich wirkende Gastfreundlichkeit kennenzulernen, ging es für unsere Truppe am 24. Oktober weiter nach Sucre, Hauptstadt Boliviens auf 2800 Metern Höhe.

 

Sucre – Umweltprojekte, ein Klimagipfel und viel Musik in der Weißen Stadt!

Das erste was uns in Sucre auffiel war der unbeschreibliche Panorama-Postkartenblick über die gesamte Stadt, die Mitten in das Gebirge der Anden gebaut ist. Keine Bilder auf Google, Wikipedia oder meiner Kamera, hätten diesen Anblick nur ansatzweise 1:1 auffangen können.

Neben den Begleitproblemchen der Höhe lernten wir in Sucre auch unsere Partnerschule, das „Colegio San Juanillo“ kennen, an dem wir in den folgenden Tagen die meiste Zeit verbringen sollten.

Wir wurden von allen Schülern herzlich empfangen und spürten zum ersten Mal, wie es sich als „Ausländer“ anfühlt, ständig im Fokus zu stehen und ständig beobachtet zu werden. Denn mit unserer weißen Haut und den hellen Haaren und Augen fielen wir natürlich auf. Alle haben einen gegrüßt, jeder wollte unsere Aufmerksamkeit und zum Schluss wollten viele sogar Fotos mit uns machen, schließlich hat man nicht jeden Tag einen waschechten Europäer an der Schule. Für viele war es wahrscheinlich sogar das erste Mal in ihrem Leben, dass sie einen sahen.

Hna Maria Theresa, eine katholische Ordensschwester aus Spanien, die an der katholischen Schule die Schulleiterin ist, lernten wir bereits am ersten Abend bei einem leckeren Abendessen mit Blick über die ganze Stadt kennen.

Sie erzählte uns von der Schule und dem Umweltprojekt, welches wir in der Zeit unseres Aufenthaltes angehen sollten.

Bolivien ist nämlich nicht nur eines der ärmsten Länder Südamerikas, sondern auch eines der schmutzigsten. Denn ausnahmslos überall in den Straßen der Städte, die wir während unserer Reise besuchten, abseits der Prachtstraßen im Stadtzentrum, lag der Müll überall verstreut und bot uns eine sehr ungewohnte Sicht auf dieses Land, die jenseits unserer Vorstellungen lag.

So entschieden wir uns, aus PET-Flaschen, die man dort in unzähligen Mengen am Straßenrand findet, einen Flaschengarten zu bauen, welcher an die Hauswand auf dem Pausenhof angebracht und mit frischen Kräutern bepflanzt wurde. Schwester Maria Theresa lobte uns für die Kreativität und bewunderte das Werk ausgiebig und war der Meinung, dass dies ein Weg in die Richtung sei – vorausgesetzt es kommt auch bei den Bolivianern an und das bezweifle ich sehr stark.

Denn das Bewusstsein für eine saubere Umwelt ohne bzw. mit weniger Müll, ist bei vielen Bolivianern schlichtweg nicht vorhanden, was ich auch an dem von der Schule veranstalteten Umweltfest merkte.

Die Schüler waren an vielen Ständen vertreten und klärten uns in einem auswendig gelernten Vortrag über die ökologischen Missstände in ihrem Land auf, jedoch wirkten sie nicht wirklich überzeugend, noch hatte ich eine Sekunde das Gefühl, dass sie zu 100 Prozent wussten, wovon sie da sprachen.

So ist dieses Projekt mit dem Flaschengarten letztendlich wahrscheinlich nur der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein, aber immerhin ist es ein Tropfen, der zumindest die potentielle Möglichkeit besitzt, das Bewusstsein von einem einzelnen Schüler oder Lehrer zu wecken.

Abends hatten wir dann Zeit, Sucre und sein Nachtleben für sich zu entdecken. Doch das absolute Highlight war der Abend, an dem die Musikgruppe Los Masis, mit welcher die BBS Simmern seit vielen Jahren eine enge Partnerschaft und auch Freundschaft pflegt, uns zu sich in das „Centro Cultrual Masis“ einlud.

In über einer Stunde zeigten sie uns in einem bewegenden Konzert, dass sie nicht umsonst weit über die Landesgrenzen hinaus für ihre Folklore-Musik bekannt sind. Anschließend lud uns Los Masis noch ein „als Familie gemeinsam mit der Familie zu essen“. Während uns leckere, landestypische Speisen serviert wurden, hatten wir so auch die Möglichkeit mit den einzelnen Mitgliedern der Gruppe zu sprechen und saßen so bis spät in den Abend hinein zusammen und trugen unseren Teil zur Festigung dieser tollen Partnerschaft bei.

Die ereignisreiche Woche in Sucre schloss mit einer Simulation der UN-Umweltkonferenz, bei der alle deutschen Schüler, zusammen mit Deligierten ihrer bolivianischen Partnerschulen zu uns nach Sucre kamen und überlebenswichtige Fragen zum Klimawandel diskutierten.

Es galt, sich in „böse“ und „gute“ Staaten in der fingierten UN-Vollversammlung hineinzuversetzen und die zuvor recherchierten Positionen der einzelnen Länder zur Umweltpolitik im ersten Schritt wortmächtig zu referieren.

Schließlich stritten wir über mögliche gemeinsame Ziele für ein nachhaltiges Klimamanagement, indem wir dennoch bleibende Differenzen in der Umwelt-und Klimapolitik registrierten.

Der rhetorische und inhaltliche Lerneffekt für uns war dabei verblüffend groß. Nebst sprachlicher Agilität und zeitintensivem Eintauchen in die diversen Länderkunden der „anwesenden“ Staaten, entpuppte sich die UN-Vollversammlung für uns als ein Dialog-Instrument zwischen Bolivianern und Deutschen, das diesem außerschulischen Lernprozess Flügel verlieh.

Nach tagelangen Debatten im Plenum war der UN Klimagipfel abgeschlossen und wir setzten unsere Reise fort. So stiegen wir Sonntag Abends (2. November) in einen Nachtbus, der uns nach La Paz, Regierungssitz des Landes, auf knapp 4000 Metern Höhe brachte.

Nach mittlerweile 2 Wochen in einem Land, in dem die Eindrücke so gewaltig sind, und nach einem Tagesausflug nach Potosí, der höchsten Stadt Boliviens, auf 4300 Metern Höhe, kann man sich ja denken, okay, viel kann nicht mehr kommen, was dir den Atem rauben kann (also neben der Höhe...). Aber Pustekuchen.

 

La Paz & Lago Titicaca – Auf den Spuren der Inkas und uns selbst!

Während die Berge in Sucre noch nicht ganz so hoch sind und die Stadt so ziemlich breitflächig gebaut wurde, bot sich uns in La Paz abermals ein unbeschreiblicher Eindruck. Mitten in den Anden, im Cañon (=Schlucht) von zwei Bergen ist diese Stadt gebaut. Wir kamen schlaftrunken frühmorgens mit dem Bus in El Alto an, der Vorstadt La Paz', oben auf der Bergkuppe, sodass wir einen uneingeschränkten Ausblick hinunter auf die Millionenmetropole hatten.

Nach einem langen Tag, den wir ausgiebig dem shoppen nach Souvenirs für Zuhause und Sightseeing widmeten, ging es am nächsten Tag frühmorgens direkt weiter nach Copacobana, einer Stadt am berühmten Titicacasee.

Nach Ankunft in unserem Hostal, welches uns von den Zimmern aus einen wunderbaren Ausblick auf den See bot, fiel die Entscheidung nicht schwer, was wir als nächstes machen sollten. Gemeinsam mit den anderen Schülern gingen wir also direkt an den See und nachdem wir uns ein wenig umgesehen hatten, entdecken wir einen kleinen Imbiss direkt am Strand, der mit regionalen Fischgerichten seine Besucher anlockte.

Waren wir zuerst ein wenig skeptisch, ob das Essen dort uns wirklich munden würde, mussten wir nach dem Essen belehrt feststellen, dass man eine Lokalität nicht zwingend nach ihrem äußeren Anschein bewerten sollte, denn wie die gesamte Gruppe im Nachhinein einstimmig befand, bekamen wir dort mit Abstand die beste Mahlzeit der gesamten Reise. 

Die zahlreichen Mythen, die sich um die generell für Südamerika berühmte Inkakultur ranken, konnten wir auf der Isla del sol, der Sonneninsel, dank instruktiver Führung durch einen Einheimischen gut nachvollziehen. Doch zunächst mussten wir mit einem vorsintflutlichen Boot, einer etwas größeren Nussschale, knapp 3 Stunden bis zu dem besagten Eiland fahren, wobei die Motoren gehörig Abgase ins Innere des mickrigen Kastens bliesen. An der Nordspitze der Insel angelangt, lagen 17 Kilometer Fußmarsch vor uns, um an der Pedra Sagrada („Heiliger Felsbrock“) und weiteren Inka-Ruinen vorbei zu laufen, und am frühen Nachmittag an der Südspitze der Sonneninsel mit einem Fährboot nach Copacabana zurückzukehren.

Leider geriet dieser „Wandertag“ ohne Mahlzeiten und zu wenig Zeit auf dem 4000 Meter hoch gelegenen Plateau der Inka-Oase zum reinen Stressprogramm. Allein die Abfahrtszeit des urigen Wasserkreuzers, der sehr viel Zeit für die Überfahrt benötigte, ließ die Muskelkraft in den Beinen nicht versiegen, während unsere Köpfe und gewiss auch unsere Seelen gern mehr Ruhe und Beschaulichkeit auf dieser landschaftlichen traumhaften Insel benötigt hätten.

Abends fuhren wir nach La Paz zurück und beschlossen den letzten Tag mit einem halbtägigen Ausflug nach Tiwanaku zu füllen, der ältesten andinen Hochkultur (1580 v.Chr. -1200 n.Chr.) und widmeten uns nachmittags einer intensiven Auswertung der dreiwöchigen Reise.

Der Blick zurück auf die Höhen und Tiefen dieses Streifzugs durch Bolivien empfand ich als eine sehr gute Möglichkeit, die vergangenen drei Wochen aufleben zu lassen und noch einmal zu durchleben, denn bei so viel Input in so wenig Zeit, geht vieles auf den ersten Blick verloren, was so wieder hervorgeholt wurde.

Wir haben grandiose Naturräume erlebt, wechselnde Klimazonen ertragen, bunte Märkte bestaunt, „exotische“ Kost zu uns genommen und an einer UN-Vollversammlung teilgenommen.

Wir haben die unbezahlbare Offenheit und (Gast-)Freundlichkeit der Bewohner kennengelernt, egal ob an der Schule, im Restaurant oder auf der Straße. Die meisten leben von der Hand direkt in den Mund, teilen dennoch mit dir all das, was sie haben.

Das alles 10.000 Kilometer von zu Hause entfernt, ohne dass etwas Dramatisches die Reise unterbrochen hätte.

Am Ende wurden wir noch gefragt, was wir zurück in Deutschland am meisten bzw. am wenigsten vermissen werden.

Ich persönlich werde die Umweltsituation und Straßenverhältnisse am wenigsten vermissen. Wir sind, was das betrifft ziemlich verwöhnt, denn jeder der über die schlechte Situation der Straßen schimpft, sollte einfach mal nach Südamerika reisen, danach wird er anders darüber denken.

Am meisten vermissen, werde ich wohl die Bolivianer selbst. Denn so eine Wärme und Herzlichkeit habe ich so noch nirgends kennengelernt. Und das ist auch etwas, was wir in Deutschland ruhig übernehmen könnten.

Jedem grundsätzlich aufgeschlossen und vorurteilsfrei entgegenzutreten. Denn egal wer man ist, was man denkt, wie man fühlt und handelt, oder welchen sozialen Schicht man entspringt und welchen Gott man anbetet. Am Ende ist der bettelnde Obdachlose am Straßenrand, wie der reiche Bänker im Café nebenan genau so Mensch wie Du und ich. Und das überall auf der Welt.